Gleich an meinem ersten Tag in Argentinien sollte es steigen, das finale Meisterschafts-Heimspiel der Boca Juniors in ihrer Pralinenschachtel (la Bombonera).
Schon in Deutschland war mir aber klar, dass es schwer sein würde an Karten zu kommen. Boca verkauft Karten nämlich nur an ihre 150.000 Mitglieder und nicht genutzte Karten werden zum vielfachen Preis von Touri-Agenturen vertrieben (140-300 Euro). Zwar ist dann Essen und Transport dabei, trotzdem eine absolute Abzocke. Verkauft wird das mit dem Hinweis „Die bringen euch um, wenn ihr da alleine reingeht“. Das Ganze ist dann eher für Pauschaltouristen bestimmt, denen man alles erzählen kann. Nichtsdestotrotz schien es meine einzige Möglichkeit zu sein, das Spiel zu sehen. Also rief ich einen Vermittler an, der mir mitteilte, dass die Karten ausverkauft seien. Also machte ich mich am Spieltag direkt auf den Weg zum Stadion. Dort war erstaunlich viel los und es waren Wahlstände aufgebaut. Die ganze Stadt war mit Wahlplakaten tapeziert und die Kandidaten warben mit Flyern, Essen, ganzen Hauswänden, T-Shirts und Argentinischen Folienballons. Es ging aber nicht um die Wahl eines Politikers, sondern um die des Boca Juniors Präsidenten. Leider fand ich auf fast allen Flyern einen Entwurf zum Umbau des Bombonera – schade, denn gerade dieses Stadion macht den Mythos um Boca aus.
Egal, ich war auf Ticketsuche und fing also an, an den Kiosken zu fragen – erfolglos. Danach sah ich einen Supporter heimlich Karten verteilen und fragte den  natürlich nicht für Fremde. Mittlerweile hatte sich eine locker 1,5 km lange Schlange gebildet, um in den ersten Sicherheitsbereich zu den Kontrollen zu kommen. Ich schaute mir das Geschehen an und sah, wie einer nach dem anderen mit den Schwarzhändlertickets weg geschickt wurde. Zwar astreine Fälschungen, aber auf den Mitgliedsausweisen sind Fotos und die Schwarzmarkt-Namen und Fotos waren den Ordnern bekannt. Ein Tipp eines Freundes besagte, dass man mit Bargeld an den richtigen Stellen in Argentinien überall rein kommt. Aber auch hierbei sah ich die abgewiesenen Leute kläglich scheitern.
Also was nun? Prinzip Hoffnung, ab zum Presseingang und sich als Deutscher eine Presseakkreditierung erlabern. Auch das klappte am Spieltag natürlich nicht mehr, aber eine Sportmoderatorin bekam Mitleid und ich musste wenigstens nicht anstehen und konnte mit ihrem Team einen Sicherheitsring weiter rein. Als ich jede Hoffnung das Spiel zu sehen, schon verloren hatte, passierte das Unglaubliche. Neben mir schob jemand den Zaun, hinter der Ordner und Polizeikontrolle zur Seite, um hinauszugehen. Jetzt oder nie! Zusammen mit einigen Anderen zwängte ich mich hinein, ehe es die Ordner merkten. Unter völligem Adrenalin und der Polizei im Nacken drängten wir uns in die Menge und überliefen das erste Drehkreuz. Gefühlt hatte niemand um mich eine Karte und wir sprinteten auf den nächsten Eingang zu. Auch hier nochmal Drehkreuz und sporadische Kontrollen. Ich drängte mich mit mehreren Boca Fans durch die Mitte. Unter singen und jubeln sprinteten wir das Treppenhaus hoch. Geschafft! Das Gefühl dieses Stadion zu betreten, unglaublich. Und das sogar im Rang über der Barra Brava „la 12 (doce)“, einer der berüchtigtsten Fußballgruppen der Welt.

Exkurs: Argentinische Barra Bravas, die dortigen Hardcore-Fans, sind deutlich verstrickter mit den Clubs als z.B. Ultras. La Doce zählt nach wie vor als sehr einflussreich in Politik, Club und im Untergrund-Handel, quasi die Mafia Argentiniens. Ihren Höhepunkt des Ruhmes erreichten sie Ende der 90er Jahre, als sie Diego Maradona per Trainer-Hausbesuch zum Kapitän machten. Maradona zählt nach wie vor als enger Vertrauter von la Doce . La 12 wurde auch die letzten Jahre auffällig, weil sie zum 12.12. ein Fanfest am Obelisco, dem Wahrzeichen von Buenos Aires, mit über 100.000 Leuten veranstalteten. Mit Trommeln und Stoffbahnen geben sie den Ton in der Bombonera an.
Also war ich drin und ließ die tolle Atmosphäre auf mich wirken. Zum Einlauf der Mannschaften gab es Konfetti aus allen Ecken und die verteilten Präsidentschaftsballons flogen herum. Im Stadion herrscht durch die unregelmäßige Bauweise ein starker Wind, der alles erneut durchs Stadion wirbelte. Zwar zogen die Zuschauer bei den Songs der Barra nicht dauernd mit, aber wenn: Gänsehaut. Wenn alle sprangen, wackelten die Tribünen deutlich und zu jedem Lied wedelte natürlich die Hand. Eine tolle Atmosphäre, die zur 35. Minute durch einen Torjubel noch gesteigert wurde. Zum Glück stand ich ganz oben. In der zweiten Halbzeit wurde es dann dunkel und die Stimmung war bei Flutlicht noch beeindruckender. So ging es dann Richtung Ende und der Champéon 2015 wurde gefeiert. Erst mit Feuerwerk auf dem Stadiondach, dann auf dem Tor sitzend vor der Kurve. Geniale Stimmung, auch eine Stunde nach Abpfiff.
Wer dachte jetzt ist es vorbei, der irrte sich. Ich saß in einem Burgerladen in der Nähe und sah im Fernsehen wie direkt in der Nähe meines Hostels am Obelisco gefeiert wurde. Also auf zum nächsten Bus, mit dem man anscheinend mit Boca-Outfit umsonst fahren durfte. Als ich am Obelisco ankam, staunte ich nicht schlecht: die sechsspurige Hauptstraße gesperrt, alle feierten um den Obelisken. Keine Stände, keine Musik, nur Straßenverkäufer und Fans, die jeweils mit der lautesten Trommel sangen und Fahnen schwenkten. Es herrschte eine Stimmung zwischen Extase und Familienfest um 0:00 Uhr an einem Sonntag. Gemessen an der Zahl der anwesenden Leute konnte ich mich noch glücklicher schätzen, im Stadion gewesen zu sein. So ging es für mich nach der Feier, beeindruckt von den Ereignissen des Tages, spät Nachts ins Bett. Fußball, du kannst so beeindruckend sein!